Corporate Governance Inside

Europe on the Move – What Boards need to know


Ethik und Integrität in unsicheren Zeiten – Orientierung für Führung und Aufsicht

Europäische Unternehmen agieren mehr denn je in einem Umfeld, das von dauerhafter Unsicherheit geprägt ist. Globale Risiken, technologische Brüche, geopolitische Spannungen, hoher Kostendruck und die Verdichtung operativer Anforderungen sorgen dafür, dass Entscheidungen oft unter Zeitdruck und mit unvollständigen Informationen getroffen werden müssen.

Viele Führungskräfte erleben diese Bedingungen schon längst nicht mehr als Ausnahme, sondern als alltägliche Realität. In diesem Umfeld braucht es einen stabilen Orientierungspunkt – einen inneren und einen organisatorischen Kompass. Ethik und Integrität übernehmen in diesem Kontext eine besondere Rolle: Sie geben Halt, schaffen Klarheit in Grauzonen und tragen dazu bei, in Sondersituationen „das Richtige“ zu tun.

Deloitte‘s Ethik- und Integritätsstudie 2025/26 zeigt, wie präsent dieses Thema für Unternehmen und Führungskräfte ist. Befragt wurden 104 Organisationen aus unterschiedlichen Branchen und Größenklassen. 79 Prozent der Rückmeldungen stammen aus der Privatwirtschaft, ein Großteil davon aus Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden trägt Führungsverantwortung, viele arbeiten in Governance-, Compliance- oder Integritäts­funktionen. Diese Zusammensetzung verleiht der Studie ein breites Fundament und macht ihre Ergebnisse anschlussfähig für Unternehmen verschiedener Branchen.

Trotz dieser Vielfalt treten Muster zutage, die sich in allen Kontexten wiederholen. 95 Prozent der Befragten benennen Ethik und Integrität als zentrale Werte. Gleichzeitig berichten 37 Prozent, dass diese Begriffe im eigenen Unternehmen noch nicht ausreichend definiert sind. 46 Prozent haben innerhalb der letzten zwölf Monate unethisches Verhalten beobachtet oder erlebt. Zwischen Anspruch und gelebter Wirklichkeit besteht also eine deutliche Lücke – und genau dort setzt die Frage an, wie Unternehmen Führungskräfte und Mitarbeitende so unterstützen können, dass ethisch-integres Handeln auch unter Druck gelingt. Persönliche Resilienz als Faktor für integres Handeln

Zentral ist dabei die Rolle der persönlichen Resilienz. Diese beschreibt, wie stark sich Führungspersonen in Krisen- und Stresssituationen oder in herausfordernden Kontexten schnell an äußere Umstände und Zielkonflikte anpassen können. Die Studie zeigt, dass 65 Prozent der Führungskräfte mit hoher Resilienz selbst in kritischen Situationen ethische Standards aufrechterhalten können. Resiliente Personen treffen Entscheidungen klarer, bewusster und konsequenter. Sie gelten als verlässliche Vorbilder; 75 Prozent der Befragten nehmen resiliente Führungskräfte explizit so wahr.

Dieser Zusammenhang ist besonders ausgeprägt in Kontexten mit hoher regulatorischer Dichte oder komplexen Entschei­dungs­situationen, etwa in der Finanzbranche. Dort ist der Einfluss persönlicher Resilienz auf integren Umgang erkennbar höher als in anderen Sektoren. Resilienz allein reicht jedoch nicht aus. Sie entfaltet ihre Wirkung erst, wenn Führung und Kontrolle als zwei Seiten der Corporate Governance-Medaille Orientierung geben.

Führungsmechanismen als struktureller Halt

Corporate Governance schafft Orientierung, indem sie klare Strukturen bereitstellt, die ethisch-integres Handeln im Unter­nehmensalltag unterstützen. Eine besondere Rolle spielt dabei der Führungsteil der Corporate Governance-Medaille: Durch strategische Planung, Steuerung und Koordinierung von Unternehmens­aktivitäten wird so sichergestellt, dass die Unternehmensziele erreicht, verantwortungsvolle Entscheidungen getroffen und eine werteorientierte Unternehmenskultur gestärkt werden.

Viele der Befragten bestätigen, dass diese Grundlagen in ihren Organisationen vorhanden sind: 81 Prozent sehen klare Prozesse, 70 Prozent berichten über eindeutig zugewiesene Verantwort­lichkeiten. Damit existiert in der Mehrheit eine formale Basis, die Führungskräften ein strukturiertes Arbeiten ermöglicht.

Die Studie zeigt jedoch auch, dass diese Strukturen in der Wahrnehmung nicht durchgehend konsequent wirken. Einige Führungskräfte empfinden Prozesse als unklar oder nicht konsistent kommuniziert. Die Daten machen außerdem sichtbar, dass strukturelle Klarheit allein nicht ausreicht. Entscheidend ist, wie Führungs­kräfte diese Strukturen ausfüllen. Dort, wo sie offen kommunizieren, Erwartungen klar vermitteln und nachvollziehbare Entscheidungen treffen, stärkt dies nachweislich das Vertrauen. In Unternehmen mit starken Führungsmechanismen erleben Mitarbeitende häufiger, dass „die Richtung stimmt“ – eine Voraussetzung, um ethische Prinzipien im täglichen Handeln umzusetzen.

Die Studie zeigt auch, dass Führung durch Vorbild­verhalten eine hohe Wirkung entfaltet. Viele Befragte nehmen ihre Führungskräfte als Vorbilder wahr, allerdings keineswegs alle. Ein signifikanter Anteil bewertet die Vorbildrolle neutral oder kritisch – ein Hinweis darauf, dass gelebte Integrität nicht in allen Unternehmen selbstverständlich ist. Gerade in stressreichen Situationen zeigt sich, ob Führungskräfte Prinzipien konsequent anwenden. Laut unserer Befragten bewahren viele Führungskräfte ihre Integrität auch in herausfordernden Momenten, doch Unter­schiede zwischen Teams und Organisationen sind erkennbar. In jenen Kontexten, in denen Führungskräfte diesen kulturellen Anker bieten, ist ethisch-integres Handeln deutlich stärker ausgeprägt.

Kontrollmechanismen als Absicherung

Während der Führungsteil Orientierung ermöglicht, sorgt der Kontrollteil der Corporate Governance-Medaille dafür, dass diese Orientierung auch standhält. Die Studie macht deutlich, dass viele Unternehmen bereits auf zentralen Elementen wirksamer Kontrolle aufbauen: 55 Prozent überwachen regelmäßig Prozesse, 40 Prozent bewerten Leistungen zeitnah, 27 Prozent kontrollieren syste­matisch Zielerreichungen. Damit steht ein Werkzeugkasten zur Verfügung, der Abläufe transparent macht und Abweichungen früh sichtbar werden lässt.

Besonders deutlich tritt die Wirkung dieser Mechanismen in Unternehmen hervor, die in jüngerer Vergangenheit unethisches Verhalten erlebt haben. Hier entfalten Kontrollen eine doppelte Rolle: Sie sichern Standards und tragen gleichzeitig dazu bei, verlorenes Vertrauen wiederherzustellen. Klare Bewertungen, transparente Sanktionen und die Einforderung von Begründungen bei Zielabweichungen vermitteln, dass Fehlverhalten nicht folgenlos bleibt. Dieser Mechanismus ist gerade dann wichtig, wenn Mitarbeitende wahrnehmen, dass moralische Leitplanken zuvor missachtet wurden.

In Unternehmen ohne solche Vorfälle in jüngerer Vergangenheit wirken Kontrollmechanismen primär präventiv. Transparente Prozesse und offene Kommunikation schaffen hier schon im Vorfeld Verlässlichkeit – Kontrollen stabilisieren das System, ohne als reaktive Eingriffe wahrgenommen zu werden. Die Studie zeigt außerdem, dass nicht alle Kontrollmechanismen gleichermaßen etabliert sind: Leistungsorientierte Vergütung etwa ist nur bei rund einem Drittel klar an Ergebnisqualität gebunden; in vielen Organisationen wird diese Verbindung als wenig durchsichtig empfunden. Das verdeutlicht, dass Kontrolle kein Selbstzweck ist, sondern sinnvoll gestaltet werden muss, um Vertrauen zu fördern, statt Misstrauen zu erzeugen.

Kontexteffekte: Größe, Branche und Eigentumsstruktur

Das Zusammenwirken zwischen Resilienz, Führung und Kontrolle sowie Ethik und Integrität variiert je nach Unternehmenskontext. Die Studie liefert hierfür ein detailliertes Bild:

Großunternehmen profitieren besonders von starken Governance-Strukturen. Sie verfügen häufiger über klare Prozesse, definierte Verantwortlichkeiten und etablierte Kontrollmechanismen. Diese Strukturen verstärken nachweislich die Verbindung zwischen persönlicher Resilienz und ethischem Verhalten. Die Komplexität großer Organisationen erfordert klare Orientierungs­punkte – Governance fungiert hier als Ordnungsrahmen, der Konsistenz schafft.

In kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zeigt sich ein anderes Muster. Hier sind formale Strukturen häufig weniger ausgeprägt, dafür spielen direkte Kommunikation und persönliche Nähe eine größere Rolle. Resilienz wirkt in KMU besonders stark unmittelbar. Die Studie zeigt, dass in solchen Unternehmen persönliche Beziehungen, klare Wertvor­stellungen einzelner Führungskräfte und gelebte Kultur entscheidend sind. Kontrollmechanismen wirken dagegen weniger stark, außer wenn sie eng mit persönlicher Führung verzahnt sind.

In nicht-börsennotierten Unternehmen ist der Einfluss persönlicher Resilienz auf ethisch-integres Handeln deutlich stärker als in börsennotierten Organisationen. Dort, wo Governance weniger formalisiert ist, trägt individuelle Widerstandsfähigkeit stärker zur Orientierung bei. Gleichzeitig wirken Kontroll­mechanismen in diesem Kontext besonders gut, wenn sie konsistent angewendet und mit klaren Rollen verbunden sind. Börsennotierte Unternehmen weisen dagegen ein anderes Profil auf: Hier hat der Führungsteil – klare Ziele, strukturierte Kommunikation, Transparenz – einen wesentlich stärkeren Einfluss. Das entspricht den regulatorischen Anforderungen und der Erwartungshaltung von Kapitalmarkt und Aufsicht.

Im Vergleich von Privatwirtschaft und öffentlichem Sektor wird deutlich, dass privatwirtschaftliche Unternehmen insgesamt stärker von Governance-Mechanismen profitieren. Die Studie legt nahe, dass Werteorientierung im öffentlichen Sektor zwar oft institutionell verankert ist, jedoch nicht dieselbe Steuerungs­wirkung entfaltet wie klare Führungs- und Kontrollanteile im privatwirtschaftlichen Bereich.

In Summe bestätigt die Studie: Es gibt keine universelle Mechanik für alle Unternehmen. Entscheidend ist, jene Elemente zu stärken, die im jeweiligen Kontext die größte Wirkung entfalten – sei es Struktur, Kultur, persönliche Resilienz oder eine Kombination aus allen dreien.

Blick auf den Aufsichtsrat: lernen aus Norwegen

Auch auf der Ebene der Aufsichtsräte zeigt sich, wie eng Governance und Integrität zusammenwirken. Unter mehr als 400 norwegischen Unternehmen wurde untersucht, wie der Aufsichtsratsvorsitz die dynamischen Fähigkeiten des Gremiums beeinflusst – also die kollektive Fähigkeit des Gremiums, Chancen wie Risiken zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und das Unternehmen bei Bedarf neu auszurichten.

Die Ergebnisse sind klar: Je größer die firmen- und die branchenspezifische Erfahrung des Vorsitzes, desto stärker ausgeprägt sind diese Fähigkeiten des Gesamtaufsichtsrats. In dynamischen Umfeldern verstärkt sich dieser Effekt sogar noch. Auffällig ist jedoch, dass insbesondere die Fähigkeit zur strategischen Ausrichtung („Reconfiguring“) weitgehend unabhängig von der Person an der Spitze bleibt. Sie basiert auf gemeinsamen Werten, Vertrauen und klaren ethischen Normen im Gremium.

Damit wird Integrität auch zum stabilisierenden Faktor des Aufsichtsrats – einem Puffer gegen Volatilität, der unabhängig von Einzelpersonen wirkt.

Was Unternehmen daraus ableiten können – und wovon auch die Regulierung überzeugt ist

Die Studien machen deutlich, wie eng persönliche Resilienz, klare Führungsprinzipien, gelebte Werte und wirksame Kontrollmechanismen zusammenwirken. Unternehmen sollten ihre Führungskräfte darin unterstützen, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig und werteorientiert zu bleiben. Gleichzeitig gilt es, Governance-Strukturen so zu gestalten, dass sie Klarheit schaffen, Ambiguität reduzieren und Verbindlichkeit herstellen. Aufsichtsräte wiederum sollten sicherstellen, dass Erfahrung und Werteorientierung in ihren Gremien verankert sind.

Diese Entwicklungen werden zunehmend auch regulatorisch eingefordert. Der aktualisierte UK Corporate Governance Code betont ausdrücklich die Verantwortung des Boards, die Unternehmenskultur zu bewerten und zu überwachen. Wenn Kultur, Werte oder Verhalten nicht mit dem Unternehmens­zweck übereinstimmen, soll das Board sicherstellen, dass Korrekturmaßnahmen getroffen werden. Im Jahresbericht wird erwartet, dass das Board offenlegt, wie diese kulturelle Überprüfung durchgeführt wurde und welche Maßnahmen daraus folgten. Kultur wird damit zu einem prüfbaren Element guter Unternehmensführung – nicht zu einem weichen Thema, sondern zu einem zentralen Bestandteil verantwortungsvoller Governance.

So entsteht ein Gesamtbild: Ethik und Integrität sind keine abstrakten Leitbilder, sondern betriebliche Fähigkeiten. Sie helfen, Risiken früh zu erkennen, Entscheidungen auch unter Unsicherheit zuverlässig zu treffen und Organisationen anpassungsfähig zu halten. In einem Europa, das sich immer schneller verändert, werden sie zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor – für Führungskräfte, für Organisationen und für Aufsichtsgremien.

Thomas Kirstan Partner | Enterprise Risk | Deloitte Deutschland

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Dr. Axel Walther Senior Manager | Enterprise Risk | Deloitte Deutschland

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