Corporate Governance Inside
Europe on the Move – what Boards need to know
EU AI Act Omnibus: Was Vorstände und Aufsichtsräte jetzt konkret tun sollten
Strategische Steuerung von KI zwischen Regulierung, Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Souveränität
Die europäische Regulierung von Künstlicher Intelligenz tritt in eine neue, entscheidende Phase. Mit dem sogenannten „Digital Omnibus on AI“ verfolgt die Europäische Kommission das Ziel, den EU AI Act nicht grundsätzlich neu zu verhandeln, sondern seine Umsetzung gezielt anzupassen, zu vereinfachen und strategisch einzuordnen. Für Entscheider ist dies kein technisches Detail und keine rein juristische Frage mehr. Es geht um nichts weniger als die langfristige Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsfähigkeit und strategische Handlungsfreiheit des eigenen Unternehmens im europäischen und globalen Kontext.
KI als strategischer Pfeiler europäischer Politik
Ausgangspunkt der aktuellen Entwicklung ist der EU-Wettbewerbskompass, den die Europäische Kommission im Ende Januar 2025 vorgelegt hat. Aufbauend auf dem Draghi-Report definiert er drei zentrale Leitplanken europäischen Handelns:
- Innovation
- Dekarbonisierung
- Wirtschaftliche Sicherheit
Digitale Schlüsseltechnologien – allen voran Künstliche Intelligenz, Cloud-Infrastruktur und Halbleiter – werden dabei explizit als strategische Engpassfaktoren identifiziert.
Die Diagnose ist eindeutig: Europa weist gegenüber den USA und Teilen Asiens einen strukturellen Rückstand bei digitalen Basistechnologien auf. Digitale Souveränität wird daher nicht mehr als abstraktes politisches Schlagwort verstanden, sondern als Voraussetzung für wirtschaftliche Resilienz, industrielle Wertschöpfung und geopolitische Handlungsfähigkeit. KI rückt damit ins Zentrum industrie-, wettbewerbs- und sicherheitspolitischer Überlegungen.
Für Unternehmen bedeutet das eine grundlegende Verschiebung. KI ist nicht länger nur ein Effizienz- oder Innovationsthema einzelner Geschäftsbereiche, sondern ein strategischer Produktionsfaktor, dessen Einsatz politisch gerahmt, regulatorisch gesteuert und infrastrukturell gefördert wird.
Vom Regulierungsrahmen zur Standortpolitik: der AI Continent Action Plan
Diese strategische Neuausrichtung greift der im April 2025 vorgestellte EU AI Continent Action Plan auf. Er ergänzt den EU AI Act um eine gezielte Standort- und Infrastrukturpolitik für industriell einsetzbare, vertrauenswürdige KI. Ziel ist es, die Entwicklung und Anwendung von KI insbesondere in strategischen Sektoren wie Industrie, Mobilität, Energie oder Gesundheit systematisch zu fördern.
Konkret setzt die EU auf den massiven Ausbau von Rechenzentrums- und Cloud-Kapazitäten sowie auf den Aufbau sogenannter KI-Gigafabriken. Diese sollen Innovatoren, Forscher, der Industrie (einschließlich KMU) und öffentlichen Sektoren ermöglichen, KI-Modelle und Anwendungen auf europäischer Infrastruktur zu trainieren und zu betreiben. Technologische Souveränität wird dabei ausdrücklich ganzheitlich verstanden: von Rohstoffen über Halbleiter bis hin zu Dateninfrastruktur und Algorithmen.
Für Vorstände wie auch Aufsichtsräte ist diese Entwicklung hoch relevant. Sie zeigt, dass Investitions- und Standortentscheidungen künftig stärker unter dem Gesichtspunkt regulatorischer und technologischer Anschlussfähigkeit bewertet werden müssen. KI-Strategie, Cloud-Strategie und regulatorische Compliance wachsen zusammen.
Der EU AI Act als regulatorischer Anker
Vor diesem Hintergrund bleibt der EU AI Act ein zentraler regulatorischer Bezugspunkt der europäischen KI-Politik. Sein risikobasierter Ansatz definiert verbindliche Regeln für Entwicklung, Inverkehrbringen und Einsatz von KI-Systemen im Binnenmarkt. Er setzt damit die rechtlichen Leitplanken, innerhalb derer sich alle industrie- und standortpolitischen Initiativen bewegen.
Der Omnibus verfolgt nicht das Ziel, diesen Rahmen aufzuweichen oder infrage zu stellen. Vielmehr wird die Umsetzung des EU AI Act durch Klarstellungen, Vereinfachungen und eine bessere Verzahnung mit bestehendem EU-Recht erleichtert. Für Unternehmen ist das eine wichtige Botschaft: Die regulatorische Richtung bleibt stabil, aber ihre praktische Anwendung wird neu justiert.
Neue Fristenlogik für Hochrisiko-KI: Mehr Flexibilität, neue Steuerungsanforderungen
Eine der zentralen Änderungen betrifft die Umsetzungsfristen für Hochrisiko-KI-Systeme.
Mit dem Digital Omnibus on AI wurden die Umsetzungsfristen für Hochrisiko-KI-Systeme neu geordnet und rechtssicher festgelegt. Im Mittelpunkt stehen nun klare Anwendungszeitpunkte, die Unternehmen mehr Planungssicherheit bieten.
Gleichzeitig setzt der Gesetzgeber klare absolute Endpunkte:
- Annex‑III‑Systeme: neue Compliance‑Pflicht ab Dezember 2027 (ca. 16 Monate später)
- Annex‑I‑Systeme (KI in regulierten Produkten): neue Compliance‑Pflicht ab August 2028 (ca. 24 Monate später)
Für Entscheider ergibt sich daraus eine neue Steuerungslogik. Der zeitliche Druck wird nicht aufgehoben, sondern dynamischer. Unternehmen müssen regulatorische Entwicklungen aktiv beobachten, ihre Implementierungsplanung flexibel gestalten und frühzeitig interne Kompetenzen aufbauen. Wer ausschließlich auf formale Standards wartet, riskiert operative Engpässe und strategische Verzögerungen.
Erweiterte Rolle des EU AI Office
Aus dem Omnibus ergibt sich zudem eine Neujustierung der Zuständigkeiten des EU AI Office, indem die Rolle des EU AI Office gestärkt wird. Das AI Office erhält zusätzliche Aufsichtsbefugnisse, insbesondere im Umfeld von GPAI-Modellen und bestimmten vertikal integrierten KI-Ökosystemen.
Gleichzeitig wird die Zuständigkeit des EU AI Office auf KI-Systeme ausgeweitet, die in sehr großen Online-Plattformen und Suchmaschinen im Sinne des Digital Services Act eingebettet sind. Damit wird die Verzahnung von KI-Regulierung und Plattformaufsicht weiter vertieft.
Für Unternehmen bedeutet dies: Regulatorische Zuständigkeiten werden klarer, die Durchsetzung aber auch stringenter. Insbesondere Unternehmen mit plattformbasierten Geschäftsmodellen oder globaler KI-Architektur müssen ihre Governance-Strukturen überprüfen und gegebenenfalls nachschärfen.

KI-Reallabore: regulierte Innovation als strategische Chance
Ein oft unterschätztes Element des Omnibus sind die KI-Reallabore. Der Omnibus stärkt die Rolle regulatorischer KI-Reallabore auf europäischer und nationaler Ebene und erweitert die Möglichkeiten für regulatorisch begleitetes Testen innovativer KI-Anwendungen. Die Mitgliedstaaten bleiben verpflichtet, diese zeitnah einzurichten, da sie eine Schlüsselrolle bei der Vorbereitung und Bewertung der Einhaltung von Vorschriften spielen.
Für Unternehmen bieten Reallabore einen erheblichen strategischen Mehrwert. Sie ermöglichen es, innovative KI-Anwendungen unter regulatorischer Begleitung zu testen, frühzeitig Feedback von Aufsichtsbehörden zu erhalten und rechtliche Unsicherheiten zu reduzieren.
Vorstände und Aufsichtsräte sollten Reallabore nicht nur als Compliance-Instrument, sondern als Innovations- und Beschleunigungshebel begreifen. Unternehmen, die diese Möglichkeiten aktiv nutzen, können regulatorische Lernkurven verkürzen und Wettbewerbsvorteile aufbauen.
Weitere Vereinfachungen und ihre Bedeutung für die Unternehmensführung
Der Omnibus führt eine Reihe weiterer Änderungen ein. Artikel 4 verpflichtet Unternehmen weiterhin dazu, Maßnahmen zur Förderung von KI-Kompetenz zu ergreifen, verlangt jedoch kein bestimmtes Kompetenzniveau einzelner Personen. Ergänzend werden Registrierungsprozesse vereinfacht und Entlastungen für Small Mid-Caps ausgeweitet. Der Omnibus erweitert unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeiten zur Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten für Bias-Erkennung und Bias-Korrektur.
Diese Maßnahmen reduzieren formale Hürden, verlagern aber Verantwortung. Wo verbindliche Pflichten zu Empfehlungen werden, wächst die Bedeutung unternehmerischer Selbststeuerung. Für Entscheiderinnen und Entscheider heißt das: Weniger Detailvorgaben bedeuten nicht weniger Risiko, sondern mehr Managementverantwortung.
Zeitplan und politische Einordnung
Die Verordnung wurde am 8. Juli 2026 angenommen, am 24. Juli 2026 im Amtsblatt veröffentlicht und ist am 27. Juli 2026 in Kraft getreten. Das Gesetzgebungsverfahren zum Omnibus ist damit abgeschlossen. Die praktische Auslegung des Regelwerks wird jedoch die kommenden Jahre weiter prägen.
Durch das Inkrafttreten des Omnibusses am 27. Juli 2026 wurden die neuen Fristen noch vor dem ursprünglichen Anwendungsbeginn zentraler Hochrisiko-Pflichten im August 2026 wirksam. Der EU AI Act bleibt der zentrale regulatorische Rahmen. Seit dem Inkrafttreten des Omnibus am 27. Juli 2026 gilt jedoch die durch den Omnibus geänderte Fassung des Rechtsrahmens. Unternehmen sind daher gut beraten, ihre laufenden Umsetzungsprogramme konsequent fortzuführen und parallel die neuen zeitlichen Spielräume strategisch zu nutzen, statt regulatorische Aktivitäten aufzuschieben.
Was Vorstände bzw. Aufsichtsräte jetzt konkret tun sollten
Spätestens jetzt sollten Unternehmensführer Künstliche Intelligenz konsequent zum Leadershipthema machen. Ohne eine klare strukturelle Verankerung auf oberster Führungsebene bleibt der Einsatz von KI fragmentiert, reaktiv und häufig auf Einzelinitiativen beschränkt. Strategische Steuerung, Priorisierung und Risikoverantwortung lassen sich jedoch nicht delegieren.
Darüber hinaus sollte eine integrierte KI‑Strategie etabliert werden, die Innovation, Regulierung und technologische Infrastruktur gemeinsam betrachtet. KI darf weder als isoliertes IT-Projekt noch ausschließlich als Compliance‑Thema verstanden werden, sondern muss eng mit Geschäftsstrategie, Investitionsentscheidungen und Standortfragen verknüpft sein.
Zudem sollte vollständige Transparenz über alle im Unternehmen eingesetzten KI‑Systeme hergestellt werden. Ohne eine systematische Inventarisierung und Risikoklassifizierung ist weder eine wirksame strategische Steuerung noch eine belastbare regulatorische Konformität möglich. Transparenz ist die Voraussetzung für jede weitere Entscheidung auf Vorstands- und Aufsichtsratsebene.
Vorstände sollten das durch den AI Omnibus geschaffene zeitliche Fenster aktiv nutzen, um tragfähige Governance‑, Compliance‑ und Kompetenzstrukturen aufzubauen, anstatt die Fristverschiebungen lediglich als Aufschub zu interpretieren. Die zusätzliche Zeit ist strategisches Kapital, kein Freibrief zur Verzögerung und sollte gezielt genutzt werden, um die Zusammenarbeit zwischen Produkt, IT und Legal zu stärken.
Schließlich sollten KI‑Reallabore sowie europäische Infrastruktur- und Souveränitätsinitiativen gezielt geprüft und gegebenenfalls frühzeitig eingebunden werden. Unternehmen, die diese Instrumente strategisch nutzen, können regulatorische Unsicherheiten reduzieren, Innovationszyklen verkürzen und sich frühzeitig im entstehenden europäischen KI-Ökosystem positionieren.
Der EU AI Act Omnibus ist kein regulatorisches Randthema. Er markiert den Übergang zu einer Phase, in der KI-Regulierung, Industriepolitik und Unternehmensstrategie untrennbar miteinander verbunden sind. Für Vorstände und ihre Aufsichtsräte ist dies eine Führungsfrage: Wer KI aktiv gestaltet, kann Regulierung als Stabilitäts‑ und Vertrauensanker nutzen. Wer abwartet, riskiert strategischen Kontrollverlust.
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Dr. Sarah J. Becker Partner | AI Transformation & Governance | Deloitte Deutschland
Dr. Till Contzen Partner | Digital Law | Deloitte Deutschland
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