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Europe on the Move – What Boards need to know


Geopolitische Brüche treiben Europas Suche nach neuen Absatzmärkten

Die internationale Handelsordnung hat ihre frühere Stabilität verloren. Der Konflikt mit dem Iran verdeutlicht die wachsenden Risiken für zentrale Handels- und Energierouten im Nahen Osten. Gleichzeitig setzen handelspolitische Eingriffe wie die US-Zölle die globalen Lieferketten weiterhin unter Druck und beeinträchtigen die unternehmerische Planbarkeit nachhaltig. Deutschland ist hiervon in besonderem Maße betroffen. Mit einem Exportanteil von zuletzt rund 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist die Abhängigkeit vom Welthandel deutlich höher als in den USA mit etwa 11 Prozent oder in China mit rund 20 Prozent.1

Protektionismus als Weckruf für neue globale Partnerschaften

Vor diesem Hintergrund verschiebt sich der Fokus von der reinen Exportleistung hin zu ihrer geopolitischen Absicherung. Wirtschaftliche Verflechtung allein bietet keinen zuverlässigen Schutz mehr vor internationalen Konflikten. Stattdessen erfordert das veränderte globale Umfeld Exportstrukturen, die auf Risikoausgleich und strategische Robustheit ausgerichtet sind.

Diese Entwicklung hat weltweit zu Gegenbewegungen geführt. Als Reaktion auf die veränderten Rahmenbedingungen suchen die Europäische Union, das Vereinigte Königreich und zahlreiche asiatische Staaten gezielt den Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen jenseits der bisherigen Kernmärkte. Freihandelsabkommen gewinnen dabei stark an Bedeutung und erreichen inzwischen ein Rekordniveau.

Europa wirft neue Anker im globalen Handel

Als Konsequenz hat die EU ihre Handelsstrategie deutlich verbreitert. Ziel ist es, neue Wachstumsmärkte zu erschließen, Abhängigkeiten zu reduzieren und Lieferketten widerstandsfähiger aufzustellen. Ein erster Schritt war das 2025 in Kraft getretene modernisierte Handelsabkommen mit Chile, das den Zugang zu kritischen Rohstoffen verbessert und Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit und Dienstleistungen stärker verankert. Parallel dazu wurde mit der Ukraine ein erweitertes Freihandelsregime etabliert, das wirtschaftliche Integration und geopolitische Stabilisierung miteinander verbindet.

Diese Linie setzt sich 2026 weiter fort. Der Abschluss der Verhandlungen mit Indien ebnet den Weg zu einem der größten Freihandelsräume weltweit mit rund 2 Mrd. Menschen und dem Wegfall beziehungsweise der deutlichen Senkung von Zöllen auf rund 97 % der EU‑Exporte. Das ebenfalls unterzeichnete, politisch jedoch weiterhin umstrittene EU‑Mercosur‑Abkommen schafft verbesserten Zugang zu einem Markt von rund 295 Mio. Einwohnern, reduziert Zölle im Warenhandel erheblich und eröffnet der europäischen Wirtschaft langfristig neue Absatz‑, Investitions‑ und Rohstoffperspektiven in Südamerika. Gleichzeitig forciert die EU Abkommen mit Indonesien sowie weiteren ASEAN-Staaten wie den Philippinen, Thailand und Malaysia, um ihre wirtschaftliche Präsenz im Indopazifik auszubauen.

Potenziale der neuen Freihandelsabkommen für Deutschland

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen gewinnen die neuen Freihandelsabkommen erheblich an Bedeutung für die deutsche Wirtschaft. Um die möglichen Effekte dieser Neuausrichtung zu bewerten, wurden von Deloitte Economic Research die wirtschaftlichen Auswirkungen mithilfe eines handels­ökonomischen Simulationsmodells analysiert, das globale Wertschöpfungs- und Handelsverflechtungen abbildet und sowohl direkte Handelsimpulse als auch indirekte Umlenkungseffekte berücksichtigt.2 Die Ergebnisse zeigen, dass die Potenziale der neuen Abkommen insbesondere unter der Annahme fortbestehender US-Zölle substanziell sind.

So könnten die deutschen Exporte nach Indien mittelfristig um rund 75 Prozent steigen, was einem zusätzlichen Volumen von etwa 12,7 Mrd. Euro entspricht. Auch das Mercosur-Abkommen eröffnet erhebliche Chancen. Die deutschen Exporte in diese Region könnten mittelfristig um rund 15 Mrd. Euro zulegen und damit nahezu eine Verdopplung gegenüber dem heutigen Niveau erreichen. Insgesamt ergibt sich aus beiden Abkommen ein zusätzliches Exportpotenzial von rund 27,7 Mrd. Euro. Verglichen mit dem erwarteten Rückgang der Exporte in die USA um rund 35 Mrd. Euro, wenn die Zölle in der aktuellen Form weiterbestehen, könnte damit ein Großteil der entstehenden Verluste kompensiert werden.

Abb. 1 – Veränderungen der deutschen Exporte in die jeweiligen Länder (in Mrd. Euro)

­Indien und Mercosur eröffnen neue Wachstumspfade für Schlüsselbranchen

Getragen wird dieses Wachstum im Falle Indiens vor allem von den industriellen Kernbranchen der deutschen Wirtschaft (s. Abb. 2). Insbesondere der Maschinenbau, die Elektrotechnik und die Chemieindustrie profitieren überdurchschnittlich von verbesserten Marktzugängen und dem Abbau hoher Zölle. Auch die Automobilindustrie leistet einen nennenswerten Beitrag zur prognostizierten Exportausweitung, wenn auch selektiver als andere Industriezweige. Beim Mercosur-Abkommen konzentrieren sich die Exportimpulse ebenfalls auf wenige zentrale Branchen. Der Maschinenbau stellt mit einem zusätzlichen Exportvolumen von rund 4 Mrd. Euro den wichtigsten Wachstumstreiber dar, gefolgt von der Automobilindustrie mit etwa 2,6 Mrd. und der Elektrotechnik mit zusätzlichen 1,8 Mrd. Euro. Auch die Chemieindustrie profitiert deutlich und könnte ihre Exporte um rund 1,4 Mrd. Euro ausweiten. Abb. 2 – Sektorale Handelseffekte des Freihandelsabkommens mit Indien

Regional entfällt der überwiegende Teil der zusätzlichen deutschen Exporte in den Mercosur-Raum auf Brasilien, das fast 78 Prozent des zusätzlichen Exportvolumens auf sich vereint. Argentinien folgt mit rund 19 Prozent, während Uruguay und Paraguay lediglich eine untergeordnete Rolle spielen. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die neuen Freihandelsabkommen einen substanziellen Beitrag zur Diversifizierung der Exportmärkte und zur langfristigen Stärkung der außenwirtschaftlichen Resilienz Deutschlands leisten.

Geopolitik als zentraler Risikofaktor und Aufsichtsratsthema

Die geopolitisch geprägten Verschiebungen im Welthandel verändern die Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmen grundlegend. Die neuen Freihandelsabkommen der EU eröffnen dabei relevante Wachstumschancen und leisten einen wichtigen Beitrag zur Diversifizierung von Absatzmärkten.

Für Vorstände und Aufsichtsräte ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag. Die systematische Bewertung geopolitischer Risiken und Handelsabhängigkeiten, die aktive Nutzung neuer Marktzugänge sowie die strategische Ausrichtung globaler Liefer- und Absatzstrukturen sollten feste Bestandteile der Unternehmenssteuerung werden. Die neuen Handelsanker der EU bieten dabei nicht nur ökonomische Chancen, sondern auch einen Hebel zur langfristigen Stabilisierung von Geschäftsmodellen. Angesichts einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft entwickelt sich Geopolitik zu einem wichtigen strategischen Thema für Aufsichtsräte. [1] Weltbank (2026): World Development Indicators, abgerufen am 9.4.2026. [2] Deloitte Trade Foresight verwendet ein maßgeschneidertes CGE‑Handelsmodell auf Basis von GTAP, das globale Produktions‑, Handels‑ und Konsumstrukturen abbildet und zur Simulation der Auswirkungen der Zölle auf die deutsche Wirtschaft eingesetzt wurde.

Dr. Alexander Börsch Chefökonom & Director Research | Deloitte Deutschland

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Dr. Timo Walter Manager| Economics| Deloitte Deutschland

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