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Europe on the Move – What Boards need to know
Europe on the Move: Was Aufsichtsräte über Europas neue Wettbewerbsagenda wissen müssen
Ein Jahr nach der Vorlage der Binnenmarktstrategie durch die Europäische Kommission im Jahr 2025 und wenige Jahre nach dem 30-jährigen Bestehen des europäischen Binnenmarkts zeigt sich, dass die Europäische Union ihrem zentralen wirtschaftlichen Projekt neuen strategischen Stellenwert verleiht. Während das Jubiläum noch stark von einer rückblickenden Perspektive geprägt war, richtet sich der Fokus inzwischen klar auf die Zukunft: Wie lässt sich der Binnenmarkt gezielt weiterentwickeln, um Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz in einem zunehmend volatilen globalen Umfeld zu stärken?
Mit der im April 2026 vorgelegten Roadmap „One Europe, One Market“ hat diese Diskussion eine neue operative Qualität erhalten. Wirtschaftspolitische Prioritäten werden erstmals systematisch mit konkreten Zeitvorgaben, Zielterminen und Fortschrittsüberprüfungen verknüpft. Zentrale Initiativen sind entlang klarer Zeitachsen priorisiert und sollen bis spätestens 2027 zur politischen Entscheidung gebracht werden. Für Unternehmen entsteht damit ein Umfeld, in dem regulatorische Entwicklungen stärker entlang konsistenter strategischer Leitlinien verlaufen.
Inhaltlich verbindet die europäische Wettbewerbsagenda drei sich gegenseitig verstärkende Elemente: einen vertieften Binnenmarkt, eine diversifizierte Handelspolitik zur Reduzierung von Abhängigkeiten sowie eine aktive Industriepolitik zur Stärkung von Produktion und Innovation in Europa. Wettbewerbsfähigkeit wird damit nicht mehr isoliert auf einzelne Faktoren zurückgeführt, sondern als Ergebnis dieses Zusammenspiels verstanden.
Die Rolle des Binnenmarktes verschiebt sich zunehmend von einem Ordnungsrahmen hin zu einer Plattform für Skalierung innerhalb Europas. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen und verwundbarer globaler Lieferketten gewinnt die Fähigkeit, Wachstum innerhalb eines stabileren, integrierten Wirtschaftsraums zu realisieren, an strategischem Gewicht. Gleichzeitig entfaltet der Binnenmarkt seine Wirkung nur im Zusammenspiel mit handels- und industriepolitischen Instrumenten.
Vor diesem Hintergrund setzt die aktuelle Agenda gezielt an bestehenden Fragmentierungen an. Besonders relevant ist dabei der geplante EU-Inc.-Rahmen (das sogenannte 28th Regime), das eine europäische Rechtsform für nicht börsennotierte Unternehmen schaffen soll. Ziel ist es, grenzüberschreitende Aktivitäten zu erleichtern und insbesondere mittelständischen Unternehmen sowie wachstumsstarken Start-ups den Zugang zum Binnenmarkt zu vereinfachen. Ergänzend sollen Initiativen wie die European Business Wallet administrative Prozesse vereinfachen und somit auch Melde- und Berichtspflichten deutlich reduziert werden, wenn es um grenzüberschreitende Geschäftsaktivitäten geht.
KI-Souveränität der EU Die Diskussion um KI-Souveränität verdeutlicht exemplarisch, wie die Europäische Union Wettbewerbsfähigkeit mittlerweile entlang der gesamten Wertschöpfungskette denkt.
Ausgangspunkt sind Voraussetzungen wie der Zugang zu kritischen Rohstoffen, welche durch Rohstoffpartnerschaften sowie den Critical Raw Materials Act gestärkt und diversifiziert werden sollen. Darauf aufbauend rücken industrielle Kapazitäten in den Mittelpunkt. Initiativen wie der EU Chips Act verfolgen das Ziel, Produktions- und Technologiekompetenzen in strategisch wichtigen Bereichen in Europa auszubauen. Halbleiter werden dabei zunehmend als grundlegende Voraussetzung für digitale Wertschöpfung und Innovationsfähigkeit verstanden. Auf dieser Grundlage sollen – teils auch unter Einbindung importierter GPUs – AI-Gigafactories den Aufbau leistungsfähiger Rechenkapazitäten in Europa ermöglichen und die Entwicklung sowie Skalierung fortschrittlicher KI-Modelle vorantreiben.
Die nächste Ebene betrifft die digitale Infrastruktur. Über regulatorische und politische Instrumente wird zunehmend definiert, unter welchen Bedingungen Technologien eingesetzt werden können und welche Anforderungen an Sicherheit, Resilienz und Vertrauenswürdigkeit gelten. Für Unternehmen bedeutet dies, dass Entscheidungen über Technologiepartner, Infrastruktur und Lieferketten nicht mehr ausschließlich operativ getroffen werden können, sondern eine klare strategische Dimension erhalten.
Erst auf dieser Grundlage entsteht die Anwendungsebene, auf der KI-Systeme entwickelt und eingesetzt werden. Hier setzt der AI Act an, indem er Anforderungen an Transparenz, Risikomanagement und den Einsatz von KI-Systemen definiert, insbesondere für Anwendungen mit erhöhtem Risiko. Durch die laufende Omnibus-Überarbeitung wurde der Zeitplan für zentrale Teile dieser Regulierung angepasst: Anforderungen für Hochrisiko-KI-Anwendungen sollen nun erst ab Dezember 2027 greifen; für bestimmte regulierte Bereiche wie Medizinprodukte ist eine Anwendung erst ab 2028 vorgesehen. Parallel dazu adressieren der Digital Markets Act und der Digital Services Act die Marktstruktur und die Rolle großer Plattformen. Ziel ist es, zu verhindern, dass technologische Skalierung automatisch zu einer hohen Konzentration von Marktmacht führt.
Die strategische Logik liegt darin, diese Ebenen als zusammenhängendes System zu verstehen. Vom Rohstoff über die industrielle Basis und die Infrastruktur bis hin zur Anwendung greifen unterschiedliche Maßnahmen ineinander. KI-Souveränität ist damit ein anschauliches Beispiel für den europäischen Ansatz, technologische Entwicklung, Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Resilienz gemeinsam zu gestalten.
Ein weiterer zentraler Bestandteil der europäischen Strategie bleibt die externe Dimension. Neue und vertiefte Handelsabkommen im südostasiatischen Raum und in Lateinamerika sowie strategische Partnerschaften sollen dazu beitragen, Abhängigkeiten zu reduzieren und gleichzeitig wirtschaftliche Verflechtungen aufrechtzuerhalten. Souveränität wird dabei nicht als Abschottung verstanden, sondern als Fähigkeit, Lieferketten aktiv zu gestalten.
Mit zunehmender Umsetzung der Agenda wird zudem deutlich, dass sich diese strategischen Überlegungen verstärkt in konkreten wirtschaftspolitischen Instrumenten widerspiegeln. Insbesondere im Bereich der öffentlichen Beschaffung und der Industriepolitik zeichnet sich ein klarer Trend ab. Initiativen wie der für Juli 2026 angekündigte Public Procurement Act und der im März 2026 von der EU-Kommission vorgeschlagene Industrial Accelerator Act sollen öffentliche Nachfrage gezielt als Instrument zur Stärkung europäischer Märkte und Produktion nutzen.
Öffentliche Beschaffung soll künftig stärker dazu beitragen, Leitmärkte für europäische Technologien und Anbieter zu schaffen und Innovation frühzeitig zu skalieren. Damit verbunden sind Überlegungen, öffentliche Nachfrage stärker an strategischen Kriterien auszurichten, etwa durch die Berücksichtigung von Resilienz, Sicherheit oder Herkunft von Produkten und Dienstleistungen.
Diese Entwicklung kann sich konkret auf unternehmerische Entscheidungen auswirken. Produktionsstandorte könnten stärker danach bewertet werden, inwieweit sie den Anforderungen öffentlicher Auftraggeber entsprechen. Lieferketten könnten stärker auf ihre Resilienz und geopolitische Stabilität hin überprüft werden, insbesondere im Hinblick auf Handelspartner außerhalb der Liste der EU-Handelspartner. Auch im Bereich digitaler Infrastruktur könnten sich Anforderungen entwickeln, die den Einsatz europäischer Anbieter stärker berücksichtigen. Hinzu kommt, dass öffentliche Förderinstrumente und Subventionen zunehmend mit strategischen Zielsetzungen verknüpft werden könnten.
Ein Jahr nach der Binnenmarktstrategie von 2025 und mit der Operationalisierung durch „One Europe, One Market“ zeigt sich damit eine klare Entwicklung. Europa stärkt seine Wettbewerbsfähigkeit nicht nur über einzelne Maßnahmen, sondern durch ein zunehmend abgestimmtes Zusammenspiel von Binnenmarkt, Handelspolitik und Industriepolitik. Für Aufsichtsräte rückt damit die Frage in den Mittelpunkt, wie Produktionsstandorte, Lieferketten und strategische Partnerschaften in diesem Umfeld ausgerichtet werden – und wie sich daraus Risiken und Chancen frühzeitig ableiten lassen.
Mosche Orth Senior Manager | EU Policy Centre Brüssel Deloitte
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