Corporate Governance Inside

Economic Outlook


Wirtschaftsausblick: ein erneuter Stresstest für die Weltwirtschaft

Die Weltwirtschaft war im Jahr 2026 bisher sehr geprägt von geopolitischen Unsicherheiten: dem Konflikt im Nahen Osten, dem anhaltenden Krieg in der Ukraine und der Zollpolitik der aktuellen US-Regierung. Diese Gegenwinde zeigen sich auch in den aktuellen Prognosen: Laut Frühjahrsprojektion der OECD dürfte sich das Wachstum der globalen Wirtschaftsleistung 2026 auf 2,9 Prozent verlangsamen – von 3,3 Prozent im Vorjahr. Im Jahr 2027 ist ein Wert in ähnlicher Größenordnung – 3,0 Prozent – zu erwarten.

Diese scheinbar stabilen Zahlen sind jedoch das Ergebnis gegenläufiger Kräfte: Einige Faktoren stützen die Konjunk­tur, andere drücken sie – und die Unsicherheit ist außergewöhnlich hoch. Energiepreise belasten, Technologieinvestitionen und Fiskalpolitik stützen

Auf der negativen Seite steht 2026 besonders deutlich ein neuer Energieschock. Der Krieg gegen den Iran und insbesondere die faktische Schließung der Straße von Hormus haben seit Ende Februar zu einem starken Anstieg der Ölpreise geführt, aber auch zu Lieferproblemen und -engpässen der Ölprodukte vor allem in den asiatischen Ländern. In der Folge steigen seit März die Inflationsraten weltweit wieder deutlich an, was Haus­halte belastet, da deren Kaufkraft direkt geschmälert wird, aber auch Unter­nehmen durch höhere Inputkosten. Bisher beschränken sich die inflationären Effekte hauptsächlich auf die Energiepreise. Es wird jedoch erwartet, dass sich die Effekte in der nahen Zukunft auch über weitere Kanäle verbreiten: Produktions- und Liefer­kosten dürften steigen. Die Auswirkungen begrenzen sich nicht nur auf die Energiepreise und -verfügbarkeit. Zudem hat die Volatilität in den Finanz­märkten zugenommen und die allgemeine Unsicherheit ist erneut gestiegen. Die Stimmungs- und Vertrauens­indikatoren der Unter­nehmen und Haushalte sind somit spürbar eingetrübt: Größere Anschaffungen und Investitionen werden eher verschoben.

Auf der positiven Seite stützen verschiedene Faktoren die wirtschaftlichen Aktivitäten. Ein kräftiger Rückenwind kommt von technologiebezogenen Investitionen und Produktion – besonders dort, wo Unternehmen und öffentliche Hand in digitale Infra­struktur und KI-Anwendungen investieren. Fiskalische Impulse, vor allem in Deutsch­land und Europa, stabilisieren ebenfalls die konjunkturelle Lage. Auch die negativen Auswirkungen der US-Importzölle dürften geringer sein als zunächst erwartet, da die effektiven US-Zollsätze aktuell niedriger ausfallen.

Unterschiedliche Dynamik in den großen Volkswirtschaften

Hinter den globalen Zahlen verbergen sich deutliche regionale Unterschiede. Indien bleibt 2026 das wachstumsstärkste G20-Land, getragen von günstiger demografischer Entwicklung, umfang­reichen öffentlichen Investitionen und Reformen. Zukünftig dürfte sich auch das Handelsabkommen mit der EU positiv auswirken.

China hingegen steht weiterhin unter Druck. Die Probleme im Immobiliensektor sind immer noch nicht überwunden und belasten Konsumentenvertrauen sowie -ausgaben. Trotz staatlicher Stabilisierungsmaßnahmen dürfte das Wachstum 2026 4,4 Prozent betragen – und damit knapp unter der Zielspanne von 4,5–5 Prozent liegen.

In den USA dürfte das Wachstum mit 2,0 Prozent dieses Jahr nach 2,1 Prozent 2025 relativ stabil bleiben. Insbesondere die KI-bezogenen Investitionen und Produktionen stützen die US-Wirtschaft, während die geo- und handelspolitischen Konflikte diese belasten.

In der Eurozone dürfte die Dynamik allerdings etwas stärker nachlassen – vor allem wegen der Auswirkungen des Iran-Krieges. Somit kann nach einem Wachstum von 1,4 Prozent im Vorjahr mit einer moderaten Zunahme von 0,8 Prozent im laufenden Jahr gerechnet werden. Gleichzeitig gibt es in Europa auch Lichtblicke, Länder wie Polen, Spanien und Portugal weisen weiterhin robuste Wachstumsraten auf.

Erholung der Industrie vorerst gebremst

Im Frühjahr 2026 zeigt sich ein gemischtes Bild bei Industrie und Dienstleistungen. Vor der Eskalation im Nahen Osten deuteten globale Stimmungsindikatoren auf eine bessere Industrie­konjunk­tur hin, zugleich stieg der Zufluss neuer Aufträge und der Handel wirkte stützender als zuvor. Ab März wurde die Industrie dann wieder zunehmend von höheren Energie- und Inputkosten, Unsicherheit und Lieferkettenstörungen gebremst, die die Margen und Planbarkeit verschlechtern. Trotzdem halten sich die Stimmungsindikatoren überraschend gut.

Bei den Dienstleistungen ließ sich zwar zu Jahresbeginn 2026 keine deutliche Verbesserung beobachten, aber der Sektor war weiterhin ein wichtiger Stabilitätsanker. Im Verlauf des Frühjahrs zeigten die laufenden Umfragen aber, dass der Sektor an Schwung verliert, weil Konsumenten und Firmen angesichts höherer Preise und geopolitischer Unsicherheit vorsichtiger werden.

Inflation und Zinsen: wieder eine Herausforderung

Der Energiepreisschock rückt die Inflation erneut in den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Diskussion. Die höheren Energiepreise haben sich im März direkt auf die Inflationsraten niedergeschlagen: Für die Eurozone erwartet die OECD eine Preissteigerung von 2,9 Prozent für das Jahr 2026 und für die USA 4,2 Prozent, was jeweils 0,8 bzw. 1,2 Prozentpunkte höher ist als die Prognose vor dem Konflikt. Die Kerninflation, also die Inflationsrate ohne die volatilen Energie- und Nahrungsmittel­preise, steigt bisher jedoch kaum, die Prognosen liegen nah an den Werten vom Vorjahr (Eurozone 2,3 Prozent, USA 3,0 Prozent).

Für die Notenbanken gilt es, aktuell wachsam zu beobachten, ob sich der Preisdruck in die anderen Güter und Dienstleistungen verbreitet, was noch einige Monate zeitverzögert eintreten kann. In den letzten Sitzungen im April haben sowohl EZB wie auch FED die Zinsen unverändert bei 2 Prozent (Einlagensatz) bzw. bei 3,5–3,75 Prozent belassen. Jedoch für Juni preisen die Marktteilnehmer für die EZB eine Zinserhöhung von 25 Basispunkten ein und zwei weitere später im Jahr1. Die FED dürfte die Zinsen erst einmal unverändert lassen.

Ausblick 2027 und Risikobild

Für das Jahr 2027 wird eine marginale Verstärkung des Weltwirtschafts­wachstums auf 3,0 Prozent erwartet. Regional bleibt das Bild heterogen: In den USA dürfte die Wachstumsdynamik wegen der negativen Auswirkungen der Geo- und Handelspolitik und der damit verbundenen hohen Unsicherheit nachlassen. Laut OECD kann eine Wachstumsrate von 1,7 Prozent erwartet werden. Auch in China wird sich wohl die Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität, belastet durch die geopolitischen Gegenwinde und die anhaltenden Probleme im Immobiliensektor, etwas weiter auf 4,3 Prozent verlangsamen.

Optimistischer als im Jahr 2026 sieht es in vielen Ländern Europas aus. Im Euroraum dürfte sich das Wachstum leicht verstärken, getragen von den staatlichen Investitionen und Verteidigungs­ausgaben sowie einer sich stabilisierenden Exportaktivität. Deutschland könnte hier eine tragende Rolle spielen, sofern die Investitionsprogramme effizient umgesetzt werden.

In den Schwellenländern bleibt der Ausblick gemischt. Indien dürfte sein Wachstum mit 6,4 Prozent steigern, sofern die Reformen im Bildungs- und Arbeitsmarktbereich voranschreiten. Auch Indonesien dürfte die Wachstumsdynamik halten können und weiter mit etwa 5 Prozent expandieren.

Die Abwärtsrisiken sind im Frühjahr 2026 deutlich ausgeprägter als in „ruhigen“ Jahren. Eine anhaltende Störung rund um die Straße von Hormus würde Energiepreise und Unsicherheit hoch halten und Lieferkettenrisiken verstärken. Sollte sich dieser Inflations- und Unsicherheitsschock verfestigen, steigt das Risiko, dass Konsum und Investitionen stärker zurückgehen und Notenbanken länger restriktiv bleiben müssen. Zudem bleibt die handelspolitische Situation unberechenbar, weitere bzw. höhere Zölle und Handelsrestriktionen sind möglich.

Auf der positiven Seite besteht die Chance, dass Produktivität und Wachstum durch den breiteren Einsatz von KI-Anwendungen und technologiegetriebene Investitionen spürbar zulegen. Zudem könnten niedrigere US-Zollsätze den Handel und somit die Konjunktur stützen. Parallel schreitet die handelspolitische Neuordnung weiter voran – mehrere neue Handelsabkommen sind zuletzt zustande gekommen, die die Exportaktivität verstärken könnten. Zudem besteht in Europa die Hoffnung, dass europäische Reformvorhaben und staatliche Investitionen die Wettbewerbsfähigkeit stärker als angenommen erhöhen könnten.

Für Aufsichtsräte empfiehlt sich im Jahr 2026 daher ein struktu­rierter, regelmäßiger Blick auf einige Makrotreiber und geopo­litische Störfaktoren: Energiepreise und -verfügbarkeit, Transport-/Lieferkettenindikatoren, Inflations- und Zinsentwicklung sowie die Handels- und Sanktionslage in den relevanten Märkten. Besonders wichtig ist, die Auswirkungen möglichst umfangreich (Umsätze, Margen, Lieferketten, Investitionspläne) zu bewerten und ggf. zu quantifizieren. Eine vorausschauende Positionierung bleibt zentral, da makroökonomische Volatilität und geopolitisch getriebene Schocks nicht als Ausnahme, sondern als wiederkehrendes Merkmal des Umfelds erscheinen. [1] ECB rate cut/hike odds & probabilities by meeting | Rate Probability, abgerufen am 13.05.2026.

Dr. Pauliina Sandqvist Manager | Research | Deloitte Deutschland

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Dr. Alexander Börsch Chefökonom & Director Research | Deloitte Deutschland

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