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Economic Outlook


Economic Outlook: Trendwende in Europa in Sicht

Die harten Daten zur wirtschaftlichen Lage in der Eurozone im ersten Quartal 2021 waren nicht rosig. Das Bruttoinlandsprodukt ist in den ersten drei Monaten um 0,6 Prozent zurückgegangen, womit sich die Eurozone nach dem zweiten Rückgang in Folge technisch in einer Rezession befindet. Der Grund für den Rückgang ist offensichtlich: Die dritte Welle der COVID-19-Pandemie und die damit einhergehenden Verlängerungen der Lockdowns belasten die Konjunktur und tun dies auch weiterhin. Damit pausiert der Aufschwung, der eigentlich im Sommer 2020 einsetzte, auch im ersten Halbjahr 2021 erst einmal weiterhin.

Dennoch deutet sich die Trendwende für das zweite Halbjahr 2021 an. Die Stimmung in der Wirtschaft ist höchst optimistisch und die Konjunkturfrühindikatoren markieren neue Hochs. Dies hat zum einen mit einem sehr positiven Ausblick in den wichtigsten deutschen Exportmärkten zu tun, zum anderen aber auch mit dem Vorankommen bei der Bekämpfung der Pandemie durch den Impffortschritt und den schrittweisen Lockerungen in Europa.

Industrie und Exporte trotzen Krise

Der industrielle Sektor war seit letztem Sommer der Lichtblick in der wirtschaftlichen Lage und bleibt dies weiterhin, getrieben von hoher globaler Nachfrage und steigenden Exporten. Insgesamt hat sich der Welthandel nach der ersten Corona-Welle bemerkenswert schnell erholt. Der Absturz in der ersten Phase war zwar noch dramatischer als in der Finanzkrise. Nach dieser dauerte es allerdings quälend lange, bis der Welthandel überhaupt wieder in die Nähe des Ausgangsniveaus kam, nämlich ungefähr zwei Jahre. In der COVID-19-Krise erholte sich der Handel nach der ersten Welle sehr viel schneller. Der Absturz war nach fünf Monaten gestoppt und nach zehn Monaten war das Ausgangsniveau schon wieder erreicht. Im Januar erreichte der Handel sogar schon wieder seinen höchsten Stand seit Oktober 2018.

Dies schlug sich unmittelbar auf die deutsche Wirtschaft nieder. Nachdem die deutschen Exporte in den ersten Monaten der Krise extrem tief fielen – auf das gesamte Jahr gesehen brachen sie um über 9 Prozent ein –, profitierten sie stark von der anziehenden Dynamik des Welthandels gegen Ende des Jahres 2020 und in den ersten Monaten des neuen Jahres. Im Januar lagen sie nur noch um gute 3 Prozent unter dem Vorkrisenwert von Februar 2020.¹

Für 2021 sind die Exportaussichten vor allem wegen der Lage in den USA und China, den beiden wichtigsten deutschen Handelspartnern, weiterhin positiv. China gelang etwas sehr Seltenes im letzten Jahr, nämlich positives Wachstum: Das Land wuchs dank der schnellen und erfolgreichen Bekämpfung der Corona-Pandemie als einzige der größeren Volkswirtschaften, und zwar mit 2,3 Prozent. Die deutschen Ausfuhren nach China waren 2020 dadurch fast genauso hoch wie im Jahr davor.² Die Aussichten für China sind auch für dieses Jahr sehr positiv. Die meisten Wachstumsprognosen gehen von ungefähr 8 Prozent aus.

Die USA hingegen schrumpften letztes Jahr deutlich, wenn auch mit 3,5 Prozent sehr viel weniger als die Eurozone und Deutschland. Dadurch brachen die deutschen Ausfuhren in die USA um mehr als 11 Prozent ein. 2021 dürften die Vereinigten Staaten aber ein äußerst dynamisches Wachstum erleben. Der rasche Impffortschritt verbunden mit den gigantischen Konjunktur- und Infrastrukturpaketen der neuen Administration wird das Wachstum voraussichtlich auf über 6 Prozent steigen lassen. Damit werden die USA und China Wachstumsraten in einer Höhe erreichen, wie es ihnen seit einigen Jahren beziehungsweise Jahrzehnten nicht mehr gelungen war. Die Nachfrage aus diesen Ländern sollte weiterhin Rückenwind für die deutschen und europäischen Exporteure vor allem aus der Industrie bedeuten.

Economic Trend Briefings

Die Deloitte Economic Trend Briefings analysieren aktuelle makroökonomische Entwicklungen sowie Folgen von politischen Ereignissen. Im Fokus stehen dabei Trends in den Bereichen Konjunktur, Konsumklima, internationaler Handel und Arbeitsmärkte.

Konsumenten mit hohen Ersparnissen

Nach dem Ende der Corona-Beschränkungen werden die Konsumenten eine entscheidende Rolle spielen. Die tiefe Rezession 2020 hat den Arbeitsmarkt dank vielfältiger Stützungsmaßnahmen und der Einführung von Kurzarbeitergeld in vielen Staaten der EU vergleichsweise wenig berührt. Die offizielle Arbeitslosigkeit stieg in der Eurozone nur moderat von 7,4 im Jahr 2019 auf 8,4 Prozent 2020. Damit sind die verfügbaren Einkommen in der Eurozone insgesamt relativ stabil geblieben, während gleichzeitig die Ersparnisse explodierten: Zum einen, weil die Konsumenten vorsichtig wurden und Geld zurücklegten, zum anderen, weil im Lockdown die Möglichkeiten Geld auszugeben beschränkt waren und es nach wie vor sind.

Die Konsequenz für die Eurozone ist, dass die Ersparnisse der Konsumenten hoch sind. Oxford Economics schätzt, dass die Sparquote in der Eurozone von 13 Prozent 2019 auf 19 Prozent 2020 gestiegen ist. In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass die Konsumenten in der Eurozone circa 450 Milliarden Euro mehr als 2019 zurückgelegt haben. Wenn diese Ersparnisse aufgelöst werden, und sei es auch nur in Teilen, wird der konjunkturelle Effekt beträchtlich sein.

Unternehmen auf Erholungs- und Wachstumskurs

Ein deutliches Zeichen der nahenden konjunkturellen Erholung sind die Investitionsabsichten der Unternehmen in Europa. Laut der Frühjahrsausgabe des Deloitte European CFO Survey, für den über 1.500 CFOs von Großunternehmen in Europa befragt wurden, wollen 45 Prozent der Studienteilnehmer ihre Investitionen in den nächsten zwölf Monaten erhöhen, das entspricht einem Anstieg um 18 Prozentpunkte.

Die europäischen Unternehmen sind insgesamt schon relativ weit auf ihrem Weg aus der Krise hinaus. Bei 43 Prozent liegen die Umsätze bereits wieder auf Vorkrisen-Niveau und 23 Prozent erwarten, dass sie dieses Level im Laufe des Jahres wieder erreichen. Damit hätten Ende 2021 zwei Drittel der Unternehmen die unmittelbaren Auswirkungen der Krise hinter sich gelassen und wären zumindest wieder auf dem Stand von Anfang 2020. Insofern scheint es so, als ob eine beträchtliche Zahl von (Groß-)Unternehmen in Europa den schlimmsten Teil der Krise überwunden hat.

Allerdings gibt es beträchtliche Sektor-Unterschiede. In manchen liegt der Anteil der Unternehmen, die schon 2021 das Vorkrisen-Niveau erreichen werden, sehr hoch. Dazu gehören Finanzen und Bau, das Gesundheitswesen und die Pharmaindustrie oder auch der Technologie- und Telekommunikationssektor. Am anderen Ende der Skala liegen Reisen und Tourismus, wo eine Mehrzahl der CFOs davon ausgeht, das Vorkrisenniveau erst 2022 oder 2023 zu erreichen. Aber auch der Transport- und Logistiksektor hinkt dem Durchschnitt deutlich hinterher.

Trotz dieser Sektor-Unterschiede ist die positive Grundtendenz auf der makroökonomischen Ebene unverkennbar. Die Vorzeichen verdichten sich, dass sich der seit Herbst 2020 unterbrochene Aufschwung in der Eurozone bald fortsetzen wird und die Wirtschaft die derzeitige Rezession schnell überwindet.

¹ Destatis 2021. Exporte im Januar 2021: +1,4 % zum Dezember 2020. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/03/PD21_107_51.html

² BDI Research. Quartalsbericht Deutschland Q1-2021 – Wirtschaft wächst im Jahr 2021 um 3,5 Prozent.

Dr. Alexander Börsch Chefökonom & Director Research, Deloitte Deutschland